Noch eine letzte Prognose – und sie stimmt wahrscheinlich

Update (20.10.2012)

Die im folgenden Artikel (erschienen im Tages-Anzeiger Politblog vom 14.10. 2015) gewagte Prognose wurde sogar noch untertroffen. Berechnet man den Pedersen-Index der Volatilität aufgrund der Veränderung der Wähleranteile im Nationalrat gegenüber der letzten Nationalratswahl vor vier Jahren, so kommt man auf einen Wert von nur 4,2.  Im schweizerischen Vergleich der vergangenen 20 Jahren ist das sehr wenig - und erst recht im europäischen Kontext:

Dasselbe gilt im übrigen auch, wenn man anstatt auf die Wähleranteile auf die Veränderungen im Nationalrat abstellt:

Der Wahlkampf neigt sich seinem Ende zu. Die Wahlzettel sind zu einem guten Teil bereits ausgefüllt und verschickt. 3788 Kandidatinnen und Kandidaten sind erschöpft, die Parteien haben ihr Pulver fast verschossen, und selbst die Lawine von Parlamentarier- und Parteienratings, Wahlbarometern und Prognosen jeglicher Art ist zum Stillstand gekommen. Wäre das mediale Getöse proportional zu den Umwälzungen die diese Nationalratswahl auslösen wird, so wäre mindestens eine Revolution zu erwarten.

Doch wie wechselhaft ist die politische Wetterlage in der Schweiz eigentlich? Der Vergleich mit anderen europäischen Demokratien ermöglicht eine Einordnung. Die Volatilität von Parteikräfteverhältnissen misst der Pedersen-Index, der nach seinem Erfinder, einem dänischen Politologen benannt ist. Er ist leicht zu berechnen: Man zähle die Veränderungen der Wähleranteile der Parteien im Vergleich zur Vorwahl zusammen, und halbiere das Resultat, weil jede Zunahme von einer Abnahme ausgeglichen wird. Null ist dieser Index, wenn alle Parteien den gleichen Wähleranteil wie bei der Vergleichswahl haben, wenn sich also gar nichts geändert hat. Ist hingegen kein Stein auf dem anderen geblieben, hat der Index einen Wert von 100 – denn dann sind alle gewählten Parteien neu und jene der Vorwahl allesamt von der Bildfläche verschwunden.

 

Die Grafik zeigt: Im Vergleich mit ihren europäischen Nachbarländern war die Volatiliät in der Schweiz stets gering. Es gibt kaum ein Land, in dem sich die Wähleranteile der Parteien von Wahl zu Wahl weniger verändern. Nur in Grossbritannien ist die Volatilität im Schnitt noch niedriger; das Wahlsystem mit seinen Majorz-Einerwahlkreisen sorgt dort allerdings dafür, dass sich kleine Wähleranteilsveränderungen stark auf die Mehrheitsverhältnisse im Parlament auswirken können.

Am anderen Ende der Skala stehen Frankreich, die Niederlande, Italien und Spanien: Dort wird die Parteienlandschaft des öfteren geradezu umgepflügt. In Spanien beispielsweise verlor die regierende Zentrumsunion (UCD) 1982 auf einen Schlag 28 Prozent Ihres Wähleranteils – das wäre etwa, wie wenn bei uns die SVP nach dem 18. Oktober noch den Wähleranteil der Grünliberalen hätte. Aber auch in den Niederlanden gewann 2002 Pim Fortuyns Partei auf einen Schlag 17 Prozent Wähleranteil, in Italien Beppe Grillos Movimento Cinque Stelle 2013 sogar 25 Prozent.

Derartige Entwicklungen sind in der Schweiz kaum denkbar. Das liegt einerseits daran, dass unser Regierungssystem mit den einzeln gewählten Bundesräten abrupte Machtwechsel nicht kennt, was auch aufs Wahlverhalten rückwirkt. Andererseits reagieren die etablierten Parteien – natürlich nur die erfolgreichen - verhältnismässig flexibel auf gesellschaftliche Entwicklungen und veränderte Problemlagen. Das verhindert explosive Protestbekundungen der Wählerschaft wie in Italien oder den Niederlanden.  

Auch die Schweizerinnen und Schweizer sind allerdings, dem europäischen Trend folgend, langfristig gesehen veränderungsfreudiger geworden. Das Parteiensystem ist etwas in Bewegung geraten, wenn man die 1950er bis 1970er-Jahre als Massstab nimmt. Der vergleichsweise gemächliche Aufstieg der SVP in den 1990er Jahren oder der Zuwachs der neuen Mitte, der BDP und der glp, vor vier Jahren haben ihre Spuren hinterlassen.

Würde man den Pedersen-Index mit dem aktuellen Tages-Anzeiger-Wahlbarometer berechnen, entsprächen die Veränderungen gegenüber 2011 einem Volatilitätsindex von etwa fünf Prozent. Derart tiefe Werte gab es letztmals in den 1970er Jahren. Doch warten wir’s ab. Die Resultate werden erst am kommenden Sonntag enthüllt – vielleicht ist das Schweizer Wahlvolk doch noch für eine Überraschung gut!

Dieser Beitrag erschien zuerst im Tages-Anzeiger Politblog vom 14.10. 2015

Die Daten der Grafik stammen aus Dassonneville, Ruth (2015). Net Volatility in Western Europe: 1950-2014. Dataset. KU Leuven: Centre for Citizenship and Democracy.