Reden ist Handeln

Die antike Rhetorik gilt gemeinhin als verstaubt.  Auf den Kopf gefallen waren die alten Römer allerdings nicht. Sie haben intuitiv erfasst, dass Sprechen zweckhaftes Handeln ist, d.h. auf einen Effekt, letztlich die Veränderung der Umwelt, abzielt, auf die Beeinflussung der Wahrnehmung in den Köpfen der Zuhörer - und das ist in einem sozialen Kontext die relevante. Gespräche sind, in der Terminologie der Spieltheorie, nichts anderes als sogenannte signaling games.  Meine germanistische Lizentiatsarbeit - lang ist's her -zeigt, worin der pragmatische, sprechhandlungstheoretische Gehalt der Rhetorik besteht.

Die Analyse rhetorischer Lehrinhalte aus sprechhandlungstheoretischer Perspektive, wie sie in dieser Arbeit ansatzweise versucht werden soll, dient einem doppelten Zweck. Einerseits geht es darum, die Rhetorik auf ihren "pragmatischen Gehalt" hin abzuklopfen, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob sie Einsichten in die Bestimmungsgründe sprachlichen Handelns enthält, die auch einer modernen sprachpragmatischen Theoriebildung Denkanstösse vermitteln könnten. Andererseits soll die Untersuchung aber auch als Prüfstein für die Brauchbarkeit des dabei verwendeten sprechhandlungstheoretischen Ansatzes als Instrument zur Erfassung praktisch-rhetorischer Sachverhalte dienen.

Das solcherart schemenhaft umrissene Unterfangen bedarf natürlich der Begründung und Legitimierung, wobei vor allen Dingen nachzuweisen ist, weshalb denn eine so zopfige und verstaubte Disziplin wie die antike Schulrhetorik für eine moderne, mit der Erklärung sprachlichen Verhaltens befasste Pragmalinguistik überhaupt von Belang sein könnte. Die Gründe für dieses Interesse ergeben sich, wie wir meinen, ziemlich zwanglos aus den Prämissen des theoretischen Ansatzes, der im Rahmen dieser Arbeit angewandt (und dabei, wie angedeutet, gleichzeitig auch getestet) werden soll; um die Untersuchungsanlage plausibel zu machen, ist es deshalb unumgänglich, mit einer knappen Darlegung und Erläuterung seiner zentralen Annahmen zu beginnen. Die folgenden theoretischen Überlegungen bezwecken darüber hinaus aber auch eine ungefähre Verortung unseres Vorhabens in der als babylonisch vielfältig und unübersichtlich berüchtigten Forschungslandschaft der Sprachpragmatik; der Umstand, dass in diesem noch jungen und naturgemäss interdisziplinär angelegten Fachbereich von einer anerkannten "Lehrmeinung" hinsichtlich der Grundannahmen noch keineswegs die Rede sein kann, verleiht ihnen dabei gezwungenermassen einen verhältnismässig elementaren Charakter.