Minarettinitiative und Wahlen in den Regierungsrat

Der unerwartete Erfolg der Minarettinitiative gab ja im In- und Ausland einiges zu reden diese Woche - meine Diskussion der Zürcher Resultate auf empirischer Basis findet sich hier. Das Interesse an den gleichzeitig stattfindenden Ersatzwahlen in den Zürcher Regierungsrat hielt sich, im Vergleich damit, sowohl in Intensität wie Reichweite in Grenzen. Zumal bei den Wählern der nicht direkt betroffenen Parteien.

Reaktionen und Berichte zur  Analyse in Claude Longchamps blog "zoon politicon", auf Radio DRS (3.12.09),in der Limmattaler Zeitung (3.12.09), in  NZZ print (zur Regierungsratswahl) und online (zur Minarettinitiaitve), TA-online( 3.12.09).Siehe auch dieInterpellation betreffend Verhältnis der Reformierten zum Islam und dem zukünftigen interreligiösen Handeln nach der Minarett-Abstimmung – Antwort des Kirchenrates.

Die Vox-Analyse korroboriert im übrigen den Befund meiner Deutung der Zürcher Resultate der Minarettabstimmung: links-rechts, bzw. wohl genauer konservativ vs. progressiv und der soziale Status, d.h. wesentlich auch die Bildung beeinflussten das Abstimmungsverhalten. Weniger erfolgreich war hingegen die Hypothese von den islamkritischen "linken Frauen" , die unmittelbar nach der Abstimmung da (Regula Stämpfli) und dort (Michael Herrmann) herumgeboten wurde. In der Hitze des medialen Gefechts wird bisweilen die Empirie der freien Rhapsodie auf der Basis anekdotischer Evidenz geopfert - die natürlich, weil unüblich, viel mehr hergibt. Schön ist auch, dass im Nachhinein niemand etwas davon gewusst haben will.

In der Thurgauer Zeitung (online?) vom 9.12.09 wurde ein ziemlich untergeordneter Aspekt des Ganzen unter dem Titel die "Die Muslime und das tumbe Schweizer Landvolk" noch einmal aufgekocht. (Besten Dank für die "fleissigen Statistiker"...). Der Bericht gibt die Resultate insofern richtig wieder, als die einfache  Beziehung: "je weniger Muslime desto mehr Ja" wahrscheinlich hinterfragt werden muss. Ob der Zürcher Befund für die gesamte Schweiz gültig ist - und den Kanton Thurgau im Speziellen, der die anekdotische Evidenz im zweiten Teil des Artikels spenden darf -  wäre hingegen zu überprüfen. Was nicht ganz einfach ist, denn die aktuellsten kleinräumig verfügbaren Zahlen zur Religionszugehörigkeit der Bevölkerung sind mittlerweile auch schon zehn Jahre alt. Ebenso klar ist aber auch, dass ländliche, rurale, gesellschaftlich traditionell orientierte Gebiete der Minarett-Initiative eher zugestimmt haben als urbane. Nur nebenbei: Was mich immer wieder erstaunt, ist die intensive Nutzung der Kommentarfunktion bei gewissen Artikeln der online-Tagespresse das Mitteilungsbedürfnis, dass da zum Ausdruck kommt, erzeugt ja sozusagen kostenlos demoskopisches Datenmaterial bereits elektronisch verfügbar fürs text-mining. Man sollte das mal erforschen!