Einkommensmobilität: Ein altes Thema in neuer Beleuchtung

Die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse im Lebenslauf ist ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. Denn die Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt vollzieht sich in modernen Gesellschaften  zu einem erheblichenTeil monetär vermittelt. Geld hat den Faustkeil als wesentliches Werkzeug abgelöst, Es ist, wie  Simmel meinte, das Werkzeug in seiner Reinform.  Wie der Faustkeil Energie konzentriert für die Veränderung der Umwelt verfügbar macht, erlauben uns auch unsere finanziellen Ressourcen die Einwirkung auf letztere - z.B. indem wir die Kassierin im Coop damit dazu bringen können, uns ein Yoghurt zur freien Verfügung zu stellen, um damit unseren Metabolismus einige Minuten aufrechtzuerhalten. So wie wir uns vor Äonen zum selben Zweck mit dem Faustkeil ein Stück Fleisch aus der Mammutlende geschnitten haben. Unter diesem Aspekt sind die monetären Besitzrechte, so wie jedes Werkzeug, eine Verlängerung und Erweiterung unseres Körpers, eine Art virtueller Leib, dessen Potenz den Raum unserer zukünftigen Handlungsmöglichkeiten wesentlich determiniert.

Den prosaischen Abdruck dieser Leiber bildet die Steuerstatistik, denn der Staat will sich davon ja auch noch ein Stück - progressiv proportional zur Gesamtgrösse - abschneiden. Meine neue Studie zur Einkommensmobilität (statistik.info 8/2013) befasst sich mit der Entwicklung der Flussgrösse in diesem Kontext. Und dies, das ist im Vergleich zu meinen früheren Arbeiten neu, nicht mehr bloss auf Aggregats- sondern auf individueller bzw. Haushaltsebene. Der Blickwinkel ist dabei vor allem ein relativer, es interessiert, wie sich die Einkommen vergleichsweise entwickelt haben, und welche Schlüsse man daraus für die Qualität des sozialen Gefüges ziehen kann: Wie flüssig, wie durchlässig ist die Gesellschaft? (nicht sehr aber doch ziemlich). Sind die Topverdiener immer dieselben? (Nein, aber zum Teil eben doch). Was braucht, es um dauerhaft ein solcher zu bleiben? (ein gewisses Alter und erheblich Vermögen hilft):

Ein ausführlicher Blogbeitrag des Think-Tanks Avenir Suisse beleuchtet die wesentlichen Resultate der Studie aus liberaler Perspektive; Dessen Direktor, Gerhard Schwarz, bietet in der NZZ vom 30.11.2013 in der Rubrik "Wirtschaftspolitische Grafik" noch einen Nachschlag, der auch bei avenir suisse (2.12.2013) zu finden ist. Siehe dazu auch den Artikel in der NZZ vom 17.10.2013. Einige Resultate wurden an den Schweizer Statistiktagen im Oktober 2013 in Basel präsentiert (auf englisch).

Ausgiebig schöpfen auch zwei Berichte des Bundesrats zu relevanten Themen aus meiner Studie: der Bericht des Bundesrats zur Verteilung des Wohlstands in der Schweiz vom 27. 8. 2014 und derjenige zum Dauerthema  "Erodiert die Mittelschicht?" vom 13.5.2015.  Einlässlich referiert werden die Resultate auch in einer Studie des Büro Bass zuhanden der St. Galler SP, Grünen und Gewerkschaften und in jener der UBS zur "Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Schweiz" (2017). Die Publikation des Verteilungsmonitors von BAK Basel und WWZ (4.8.2015), bringt - zumindest für die NZZ: siehe den Artikel "Wohlstandsinsel Schweiz" vom 5.8.2015 - auch die Einkommensmobilität, und meine Studie dazu wieder aufs Radar.